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Wenn sechs Konflikte ein komplexes System sichtbar machen
Das Internationale Tribunal für die Rechte der Natur in Puyo, Ecuador, im Rahmen des XII Panamazonischen Sozialforums (FOSPA) lässt erkennen, wie Systemische Rechtsentwicklung lange vor einem formalen Prozess beginnen kann, der zu neuem bindendem Recht führt. Entscheidend ist weniger eine isolierte Formulierung eines ethischen, nichtbindenden Tribunals als ein Perspektivwechsel, der konkrete Wirkungen und institutionelle Resonanz erzeugen kann.
Hans Leo Bader · Alberto Acosta · 21. August 2026

Symbolische Systemdarstellung, keine kartografische Wiedergabe der sechs Fälle. Bild: Systemische Rechtsentwicklung / KI-gestützte Gestaltung.
Am 19. August 2026 wurden in Puyo, Ecuador, sechs unterschiedliche, durch den amazonischen Raum und die Ausweitung des Erdölextraktivismus verbundene Konflikte gemeinsam vor dem International Rights of Nature Tribunal behandelt: die angekündigte Ausweitung der Erdölgrenze im ecuadorianischen Amazonasgebiet, die komplexe Situation von Lot 64 in Peru, der Konflikt des indigenen Volkes der U’wa in Kolumbien, die Belastungszone um den Raffineriekomplex Paraguaná in Venezuela, Erdgas- und Erdölprojekte im bolivianischen Schutzgebiet Tariquía und die Exploration vor der brasilianischen Amazonas-Mündung. Das Tribunal führte diese sechs Fälle ausdrücklich für seine dritte regionale Sitzung im Rahmen des XII FOSPA zusammen, an dem Tausende indigene und nichtindigene Vertreterinnen und Vertreter aus den Anrainerstaaten des Amazonasbeckens teilnahmen.
Auf den ersten Blick handelt es sich um getrennte Konflikte: verschiedene Staaten, Rechtsordnungen, Behörden und Projekte. Gerade darin liegt die Bedeutung von Puyo. Das Tribunal behandelte sie nicht nur parallel, sondern als Ausdruck eines gemeinsamen systemischen Problems. Die gemeinsame Behandlung macht aus den sechs Konflikten nicht automatisch eine rechtliche Einheit. Sie ist aber eine starke normative Entscheidung des Tribunals, weil sie dazu zwingt, Blick, Maßstab und mögliche Antworten zu erweitern.
Nach der Beratung verkündeten die Richterinnen und Richter eine mündliche Entscheidung, in der Amazonien zum „sujeto integral de derechos“ – zum integralen Rechtssubjekt – und zugleich zur „zona de exclusión total de combustibles fósiles“, zur vollständigen Ausschlusszone für fossile Brennstoffe, erklärt wurde. In der Perspektive des Tribunals markieren diese beiden Aussagen einen zivilisatorischen Orientierungshorizont für Handeln und gesellschaftliche Auseinandersetzungen.
Diese weitreichenden Aussagen dürfen nicht mit geltendem positivem Recht verwechselt werden.
Die Reichweite eines ethischen Tribunals
Das International Rights of Nature Tribunal ist weder ein staatliches Gericht noch ein durch völkerrechtlichen Vertrag errichteter internationaler Gerichtshof. Seine Statuten beschreiben es als internationale, aus der Zivilgesellschaft hervorgegangene Institution, deren Mandat mit den in der People’s Convention vertretenen Völkern und dem Anspruch verbunden ist, auch der Natur eine Stimme zu geben.
Das Tribunal entstand 2014 in Ecuador, dem ersten Staat, der Rechte der Natur auf Verfassungsebene anerkannte. Zu seinen normativen Bezugspunkten gehören die ecuadorianische Verfassung von 2008 und die 2010 in Tiquipaya, Cochabamba, verabschiedete Universal Declaration of the Rights of Mother Earth.
Die Erklärung von Tiquipaya wurde auf der World Peoples Conference on Climate Change and the Rights of Mother Earth verabschiedet. In diesem Zusammenhang wurde auch die Idee eines internationalen Tribunals entwickelt, das Verletzungen der Rechte der Mutter Erde sichtbar machen und beurteilen sollte. Damit verbindet sich eine breitere Debatte um Klimagerechtigkeit und ökologische Schuld.
Das Tribunal versteht seine Aufgabe entsprechend darin, behauptete Verletzungen dieser Rechte zu untersuchen und Earth Jurisprudence durch Entscheidungen, Urteile und Stellungnahmen weiterzuentwickeln.
Gerade deshalb ist Puyo rechtlich interessant: Rechtsentwicklung kristallisiert sich nicht zwingend erst dann, wenn ein Parlament ein Gesetz verabschiedet oder ein staatliches Gericht ein bindendes Urteil spricht. Aus der Innenperspektive des Tribunals liegen seine Stärke in seiner Unabhängigkeit, in der intellektuellen und moralischen Autorität seiner Richterinnen und Richter und in dem Anspruch, auch ohne staatliche Bindungswirkung neue juristische Wege zu öffnen. Hinzu kommt eine ethische Dimension: das zu vermeiden, was in dieser Perspektive als „Verbrechen des Schweigens“ gegenüber schweren Beeinträchtigungen von Menschheit und Natur bezeichnet werden kann.
Sechs Fälle – sechs unterschiedliche Rechtslagen und ein gemeinsames Ziel
In Ecuador trugen die Nationalitäten Kichwa, Sápara, Andwa, Achuar, Shiwiar, Waorani und Shuar vor, dass neue Erdölrunden auf annähernd drei Millionen Hektar angestammte Territorien von hoher biologischer und kultureller Vielfalt bedrohten. Sie erinnerten an schwere historische Folgen der Erdölförderung im Norden der Region, widersprachen der Gleichsetzung von Informations- oder Sozialisierungsveranstaltungen mit Konsultation und berichteten über Druck, Vorteilsangebote, Informationsdefizite sowie Risiken von Militarisierung und Kriminalisierung. Sie bekräftigten kollektive Entscheidungen gegen eine weitere Erdölausweitung und forderten Transparenz und Schutz ihrer Territorien.
Ecuador erkennt die Rechte der Natur seit 2008 auf Verfassungsebene an. Art. 71 schützt ihre Existenz und die Erhaltung und Regeneration ihrer Lebenszyklen, Strukturen, Funktionen und evolutionären Prozesse; Art. 72 statuiert ein Recht auf Wiederherstellung; Art. 73 enthält Vorsorge- und Restriktionspflichten. Hinzu kommen Art. 57 Abs. 7 zur vorherigen, freien und informierten Konsultation indigener Völker und Art. 398 zur Umweltkonsultation. Die Frage ist daher nicht nur, diese Normen wirksam zu machen. In der in Puyo vertretenen Perspektive sollen Rechte der Natur aufgrund ihres universellen Anspruchs komplementär mit Menschenrechten verstanden werden – hier insbesondere mit den Rechten derjenigen, die Mutter Erde verteidigen.
In Kolumbien erklärte das Volk der U’wa, Erdöl sei das Blut der Mutter Erde und seine Förderung greife in eine unteilbare territoriale, kulturelle und spirituelle Ordnung ein. Die Anhörung erinnerte an das Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte und an die Notwendigkeit seiner vollständigen Umsetzung. Der Gerichtshof hat am 4. Juli 2024 im Fall Pueblo Indígena U’wa y sus miembros Vs. Colombia ein verbindliches Urteil gesprochen und unter anderem Verletzungen kollektiver Eigentums-, Beteiligungs-, Umwelt- und kultureller Rechte festgestellt. Das Verfahren befindet sich in der Überwachungsphase. Das Tribunal von Puyo schafft hier daher nicht einfach eine neue Norm, sondern verstärkt Sichtbarkeit und institutionellen Druck rund um bereits anerkanntes Recht.
Bei Lot 64 in Peru kritisierten Achuar, Wampís und Chapra die Überlagerung ihrer Territorien ohne Konsultation oder Zustimmung und warnten vor einer erneuten Aktivierung. Sie verbanden den Block mit der nordperuanischen Pipeline, Ölunfällen, Altlasten und der Raffinerie Talara. Zeugenaussagen beschrieben Folgen für Flüsse, Fischerei, Schifffahrt, Ernährungssicherheit und Gemeinschaftsleben. PETROPERÚ ist seit 2021 zu 100 Prozent Vertragsinhaber und Betreiber des Blocks und sucht einen strategischen Partner für die Operatorrolle; PERUPETRO führt daneben die vertragsbezogene Verwaltung. Aktuelle Unterlagen zeigen, dass Konsultation und Beteiligung ein zentraler und weiterhin umstrittener Verfahrenspunkt sind. In Puyo wurde Lot 64 deshalb nicht als isoliertes Förderprojekt, sondern in größeren ökologischen, infrastrukturellen und indigenen Wirkungszusammenhängen betrachtet.
In Venezuela beschrieben Beiträge zur Halbinsel Paraguaná jahrzehntelange Belastungen durch den Raffineriekomplex, Leckagen, Emissionen, Abfälle, Beeinträchtigungen der Fischerei und Schäden an Küsten- und Meeresökosystemen. In der Anhörung wurde umfangreiche Dokumentation zu unzureichender öffentlicher Information, Überwachung, Untersuchung und Wiedergutmachung sowie zu Schwierigkeiten der Verantwortungsdurchsetzung vorgelegt. Die Vortragenden beschrieben die Region als „Opferzone“ kumulativer Schäden und institutioneller Vernachlässigung.
In Bolivien trugen Gemeinschaften aus Tariquía vor, dass Erdölexploration das Schutzgebiet, seine Wälder und die Quellgebiete bedrohe, von denen die Wasserversorgung abhängt. Sie berichteten über Änderungen des Managementplans, Versuche, Unterschriften als vermeintliche Zustimmung zu verwenden, Unternehmenseintritte, Polizeipräsenz und Strafverfahren gegen Verteidigerinnen und Verteidiger. Nach ihrer Darstellung fand die Konsultation nicht mit denjenigen statt, die in dem Gebiet leben und es schützen; zudem verhindere die getrennte Prüfung einzelner Bohrungen und Projekte die Wahrnehmung kumulativer Auswirkungen.
In Brasilien beschrieben indigene Vertreterinnen und Vertreter, Fischer, Juristen und Fachleute die marine Amazonas-Küste und die Foz do Amazonas als lebendiges System aus Mangroven, Wäldern, Gewässern, amazonischen Korallen, Fischen, Muscheln, Krebsen und den Territorien, von denen ganze Gemeinschaften abhängen. Kritisiert wurde, dass die Betrachtung eines einzelnen Bohrlochs oder Blocks eine wesentlich größere Expansion über mehrere Becken und zahlreiche Blöcke verdecken könne und dass ökologische Zusammenhänge und Risiken über den Atlantik bis in den karibischen Raum reichen können. Für die Vortragenden bedeutete jeder tote Fisch zugleich den Verlust eines Teils des gemeinschaftlichen Körpers.
So verschieden die sechs Fälle sind: Das gemeinsame Ziel ihrer Darstellung in Puyo ist der Schutz des Lebens in diesen Territorien – und über sie hinaus.
Fragmentierung als Rechtsproblem
Recht und Verwaltung arbeiten notwendigerweise mit Zuständigkeiten, Projektgrenzen, Konzessionen, Umweltprüfungen und Einzelgenehmigungen. Diese Fragmentierung ist nicht an sich fehlerhaft. Auch Umweltverträglichkeitsprüfung, kumulative Wirkungsanalyse und strategische Umweltprüfung können Integrationsfunktionen übernehmen. Entscheidend ist, ob diese Instrumente den relevanten funktionalen Wirkungsraum tatsächlich erfassen – und ob die vorhandenen Regeln tatsächlich angewandt werden.
Ökologische Systeme folgen jedoch weder Staatsgrenzen noch Grenzen von Erdölblöcken. Aus Sicht des Lebenszusammenhangs können solche Linien Wasser, Arten, Schadstoffe, Transport- und Infrastruktureffekte sowie kulturelle Beziehungen nicht trennen. Landschaft – Natur als lebendige Wirklichkeit – reicht weit über formale Projektperimeter hinaus. Für indigene Völker ist Territorium zudem kein bloßer kartografischer Raum, sondern ein integraler Lebens-, Kultur-, Gemeinschafts- und Beziehungsraum.
Diese Relationalität lässt sich mit Alexander von Humboldts Wahrnehmung miteinander verbundener Natursysteme in Beziehung setzen, einschließlich der Verbindung zwischen Orinoco- und Amazonasbecken. Sie findet zugleich Ausdruck in indigenen Lebensplänen wie dem Kawsak Sacha, dem lebendigen Wald der Kichwa von Sarayaku. Der funktionale Wirkungsraum erhält damit nicht nur eine naturwissenschaftliche, sondern auch eine relationale, kulturelle und spirituelle Dimension.
Brasilien macht die Spannung besonders deutlich. Die ANP weist seit dem 20. Oktober 2025 die Explorationsbohrung 1-BRSA-1405-APS im Block FZA-M-59 aus; im Juni 2026 wurden weitere 36 Blöcke der Region in einen Prüfbestand für mögliche künftige Konzessionen aufgenommen. Jede Stufe hat ihren eigenen Rechtsstatus. Die systemische Frage lautet: Kann eine Folge einzeln geprüfter Entscheidungen am Ende einen Entwicklungs- oder Verwaltungsraum erzeugen, dessen Gesamtwirkung die Integrität des Territoriums nicht hinreichend erfasst?
Tariquía, Paraguaná und die ecuadorianische Erdölfront werfen dieselbe Frage in unterschiedlichen Varianten auf. Die untersuchten Fälle zeigen erhebliche Grenzen bestehender Rechts- und Verwaltungsstrukturen, sobald Wirkungen Staats-, Schutzgebiets- oder Projektgrenzen überschreiten oder vorhandene Integrationsinstrumente nicht wirksam angewandt werden.
Die mündliche Entscheidung bündelte darüber hinaus gemeinsame Problemlagen: administrative Fragmentierung unteilbarer Ökosysteme; fehlende oder unzureichende Konsultation, Zustimmung und Beteiligung; unzugängliche Informationen; fehlende integrale, kumulative und unabhängige Bewertungen; Verschmutzung und Risiken irreversibler Schäden; Beeinträchtigungen von Wasser, Fischerei, Ernährung, Gesundheit und ökologischen Funktionen sowie Einschüchterung oder Kriminalisierung von Menschen, die Territorien verteidigen.
Die Anhörung zeigte zugleich, dass indigenes und gemeinschaftliches Wissen nicht als bloße Nebenreferenz behandelt werden kann. Menschen, die diese Territorien bewohnen, schützen und kennen, verfügen über Expertenwissen zu ökologischen Zyklen, Umweltveränderungen und materiellen, kulturellen und spirituellen Beziehungen. In der in Puyo vertretenen Perspektive sollen diese Wissensformen unter Bedingungen gleicher Würde mit wissenschaftlicher Evidenz in Dialog treten.
Für das Tribunal bietet die Universal Declaration of the Rights of Mother Earth einen integralen Bezugsrahmen, der unter anderem Rechte auf Leben und Existenz, auf die Fortdauer von Lebenszyklen, auf Wasser und saubere Luft, auf ganzheitliche Gesundheit, Freiheit von Verschmutzung und Wiederherstellung umfasst. Damit verbindet sich zugleich eine verstärkte Forderung nach Prävention und Vorsorge gegenüber Tätigkeiten, die Ökosysteme zerstören oder ökologische Zyklen verändern können.
Normbestand ist nicht Rechtswirkung
Puyo zeigt, dass mehr konventionelles Recht nicht automatisch mehr ökologische und soziale Wirksamkeit erzeugt. Ecuador erkennt Rechte der Natur verfassungsrechtlich an, Kolumbien ist an ein Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs gebunden, Peru und Brasilien verfügen über ausgebaute Genehmigungs- und Beteiligungsstrukturen, Bolivien kennt Rechte der Mutter Erde. Dennoch bestehen Konflikte und Vollzugsdefizite fort.
Zwischen Norm und Wirkung liegen Zuständigkeiten, Verfahrensdesign, verfügbare Informationen, Vollzug, politische Prioritäten und institutionelle Lernfähigkeit. Rechtsentwicklung endet daher nicht mit der Verabschiedung einer Norm oder einem Urteil. Auch die Nichtumsetzung kann Rechtsentwicklung schwächen. Ein markantes Beispiel ist die ecuadorianische Volksabstimmung zum Yasuní-ITT, in der die Bevölkerung 2023 für das Ende der Erdölförderung im ITT-Gebiet stimmte. Die nachfolgende Umsetzung macht sichtbar, dass demokratische Entscheidung und tatsächliche Wirkung auseinanderfallen können.
Hier wird eine mögliche Funktion des Tribunals sichtbar: Es gibt Stimmen Raum, die institutionell nicht hinreichend gehört werden; bringt Betroffenenerfahrungen, indigene Wissensformen, wissenschaftliche Erkenntnisse und juristische Bezugspunkte zusammen; macht Widerstandsprozesse sichtbar und begleitet sie; trägt Ergebnisse in nationale und internationale Institutionen und kann damit zugleich gesellschaftliches Bewusstsein stärken. In der in Puyo vertretenen Logik sollen wissenschaftliches und ancestrales Wissen gleichermaßen ernst genommen werden. Der Maßstab verschiebt sich vom Einzelprojekt zum integrierten Wirkungszusammenhang, vom nationalen Konflikt zum panamazonischen System und von der isolierten Norm zu ihrer tatsächlichen institutionellen Wirksamkeit.
Das Tribunal schafft damit kein neues bindendes panamazonisches Recht. Es kann aber einen Raum erzeugen, in dem Normen und Argumente vorbereitet, interpretiert, verdichtet und in bestehende Institutionen zurückgespielt werden. Puyo verlangte darüber hinaus einen noch größeren Maßstab: Amazonien ist mit den Anden, dem Atlantik und der Karibik, anderen Regionen des Kontinents und globalen ökologischen Systemen verbunden. Daraus folgt aus der normativen Perspektive des Tribunals eine Forderung nach Universalität der Rechte der Natur – nicht die Behauptung, diese Universalität sei bereits geltendes positives Recht.
Der entscheidende Maßstabswechsel
Für eine Theorie Systemischer Rechtsentwicklung ist Puyo deshalb besonders interessant. Die sechs Fälle erfüllen unterschiedliche Funktionen: normative Vorentwicklung, Verdichtung vorhandener Normen, Verstärkung eines Urteils, Diagnose von Normenkollisionen oder Sichtbarmachung kumulativer Schäden. Gemeinsam ist ihnen die Forderung nach einem Wechsel der Betrachtungsebene und nach Mechanismen, die komplexe Systeme erfassen können – eine Art „kopernikanische Wende“ im Sinne eines radikalen Perspektivwechsels, unter Aufnahme der bekannten, mit Immanuel Kant verbundenen Metapher.
Aus einem Bohrloch wird ein Einzugs- und Wirkungsraum.
Aus einem Erdölblock wird eine Infrastruktur- und Entscheidungskette.
Aus einer Schutzgebietsgrenze wird die Frage nach funktionaler ökologischer Reichweite.
Aus sechs nationalen Konflikten wird die Frage nach Amazonien als kontinental und global verbundenem System.
Wenn Natur als Rechtssubjekt gedacht wird, stellt sich praktisch die seit Langem diskutierte Frage: Wo beginnt und wo endet dieses Rechtssubjekt? Bei einem Fluss, einem Wald, einem Einzugsgebiet, einer Küstenzone, einem transnationalen Ökosystem wie Amazonien – oder, wie verschiedene indigene Wissenssysteme vorschlagen, bei Pacha Mama beziehungsweise Mutter Erde als umfassenderem Ganzen?
Diese Perspektive lässt sich philosophisch mit Spinozas Deus sive Natura sowie der Unterscheidung von Natura naturans und Natura naturata in Beziehung setzen: Natur nicht bloß als Objekt, sondern als hervorbringende und hervorgebrachte Wirklichkeit.
Je größer das ökologische Rechtssubjekt, desto anspruchsvoller werden Abgrenzung, Vertretung, Zuständigkeit und Konfliktlösung. Das Boundary-Problem ist nicht neu; es wird seit Christopher Stone (1972) und in der neueren Rights-of-Nature-Literatur diskutiert. Eine eigenständige SRE-Leistung könnte darin liegen, Grenzen und Maßstab kohärent mit funktionalem Wirkungsraum, Vertretung, Zuständigkeit und institutioneller Verarbeitung zu verbinden – als möglichen Rahmen einer systemischen Abgrenzung ökologischer Rechtssubjekte.
Das Tribunal ist nicht bindend – aber ein Mittel der Rechtsentwicklung
Die Bedeutung von Puyo liegt nicht darin, einem zivilgesellschaftlichen ethischen Tribunal staatliche Rechtsmacht zuzuschreiben, die es nicht besitzt. Bemerkenswert ist der Prozess: sechs Konflikte werden in einem rechtsförmig organisierten Verfahren aggregiert; unterschiedliche Wissensformen werden miteinander in Beziehung gesetzt; bestehende Normen, Urteile und politische Forderungen werden systemisch verdichtet; die Ergebnisse sollen wiederum auf staatliche und internationale Institutionen einwirken.
Heute lässt sich nicht seriös behaupten, daraus entstünden mechanisch neues positives Recht, neue Rechtsprechung oder veränderte Verwaltungspraxis. Diese Resonanz muss beobachtet werden – etwa durch gerichtliche Bezugnahmen, Verwaltungspraxis oder die Aufnahme in Gesetzgebungs- und Regulierungsprozesse. Sie kann sich daneben auch in der gesellschaftlichen Verbreitung der Botschaften und in neuen Deliberationsprozessen zeigen. Erst daran wird sich zeigen, ob aus diesem innovativen Raum Rechtsentwicklung im engeren und praktisch wirksamen Sinn entsteht.
Sichtbar ist bereits ein rechtsförmig organisierter Raum, der mögliche Entwicklung vorbereitet. Vielleicht beginnt Rechtsentwicklung genau dort: lange bevor eine neue Norm im Gesetzblatt erscheint.
Aus der normativen Perspektive des Tribunals sind seine Entscheidungen zugleich ein Aufruf an die Zivilgesellschaft, demokratisch auf biocentrische und sozial gerechte Gesellschaften hinzuarbeiten und verbindliche Instrumente zu entwickeln, die Menschenrechte und Rechte der Natur enger miteinander verbinden. Das ist eine programmatische Position und keine bloße Beschreibung des geltenden positiven Rechts.
Im Zentrum menschlichen Handelns sollte demnach die Würde des Lebens menschlicher und nichtmenschlicher Wesen stehen – als Grundlage einer biocentrischen Sicht, wie sie in amazonischen indigenen Kulturen vertreten wird.
Quellen und Dokumente
- International Rights of Nature Tribunal: Regional Hearing on a Fossil Fuel-Free Amazon at XII FOSPA, Puyo 2026.
- International Rights of Nature Tribunal: Statute, insbesondere Art. 1–2, sowie institutionelle Selbstdarstellung.
- Ecuador: Verfassung von 2008, insbesondere Art. 57, 71–73 und 398.
- Inter-American Court of Human Rights: Pueblo Indígena U’wa y sus miembros Vs. Colombia, Urteil vom 4. Juli 2024, Series C No. 530; laufende Überwachung der Umsetzung.
- PETROPERÚ / PERUPETRO: Lot 64, Vertrags- und Betriebsstatus sowie Beteiligungs- und Konsultationsunterlagen.
- ANP Brasilien: Explorationsberichte 2026 und Entscheidungen zu Blöcken der Margem Equatorial / Foz do Amazonas.
- Ecuador: Nationaler Wahlrat und Verfassungsgericht – Volksabstimmung Yasuní-ITT 2023 und Umsetzungsrahmen.
- Alexander von Humboldt: Beobachtungen zur natürlichen Verbindung zwischen Orinoco- und Amazonasbecken, einschließlich der Region des Casiquiare.
- Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Vorrede zur zweiten Auflage: kopernikanische Metapher.
- Baruch Spinoza, Ethik: Deus sive Natura und die Unterscheidung Natura naturans / Natura naturata.
- Christopher D. Stone (1972), Should Trees Have Standing?; Clark et al. (2018), Can You Hear the Rivers Sing?; Alberto Acosta & Enrique Viale (2024), La Naturaleza sí tiene derechos aunque algunos no lo crean.
Hinweis zu Quellen und Einordnung
Dieser Beitrag stützt sich auch auf das vollständige Transkript der dritten regionalen Sitzung des Rights of Nature Tribunal in Puyo und auf eine kritische Einzelprüfung der sechs Fälle. Alberto Acosta war Mitglied des Tribunals dieser Sitzung und hat sowohl Elemente aus der Anhörung als auch eine institutionelle und normative Innenperspektive in diese Fassung eingebracht. Die Formulierungen „sujeto integral de derechos“ und „zona de exclusión total de combustibles fósiles“ sind im Transkript der mündlichen Entscheidung dokumentiert. Sie werden hier als Positionen des zivilgesellschaftlichen Tribunals wiedergegeben, nicht als geltendes panamazonisches Recht.
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